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Programm

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Veranstalter:

Trauma-Institut-Leipzig
Trauma-Institut-Leipzig an der Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie

Fortbildungszyklen für Traumafachberater und Psychotraumatherapeuten

Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
(gemeinnützige Organisation)
Fortbildung in trauma- und körperorientierter schulenübergreifender Psychotherapie

Psychotraumazentrum Leipzig, e. V
Psychotraumazentrum Leipzig e. V.
SAFE®-Kurse - Sichere Ausbildung für Eltern zur Förderung einer sicheren Eltern - Kind - Bindung

Programm

Hauptsymposium, Donnerstag 13.06. bis Samstag 15.06.2013
Postsymposium, Sonntag 16.06.2013

deutsch      english
Die Symposien werden bei Bedarf in deutsch und englisch übersetzt.

Donnerstag, 13.06. – Samstag, 15.06.2013

Hauptsymposium

An den Vortragstagen werden Fachvorträge präsentiert, die sich speziell mit dem Thema der Täterintrojekte in der Psychotherapie von Kindern und Erwachsenen befassen.
Am Freitag kommen dabei mehr Forschungsbeiträge aus Kliniken und Praxen zu Gehör – am Samstag liegt der Schwerpunkt etwas mehr im Bereich der Darstellung von Theoriekonzepten und Fallbeispielen.
Wir hoffen als Veranstalter, dass wir durch die breite Referentenpalette eine fruchtbare Lern- und Diskussionsatmosphäre erzeugen können. Wir wünschen uns als Veranstalter, dass durch diese Vielfalt sowohl Ihre Neugier als Teilnehmer als auch Ihr Interesse als KollegIn zur Integration von neuen Trends der Psychotraumatologie hervorgerufen wird.

Zeit

Donnerstag, 13.06.2013, 1. Vortragstag

12:00

Öffnung des Tagungsbüros

13:00

TwomblyJennifer J. Freyd, Ph.D (USA)

 

Betrayal Trauma Theorie
 
In ihrem Einstiegsvortrag wird Professor Freyd ihre Betrayal Trauma Theorie erläutern. Betrayal Trauma (Trauma durch Verrat), wie es emotionaler oder sexueller Missbrauch durch ein Elternteil oder Vergewaltigung in der Ehe oder die Misshandlung von Bürgern durch die Regierung bedeuten, sind Ereignisse und Strukturen, die fundamentalen sozialen Verrat bedeuten. Die Betrayal Trauma Theorie konzeptualisiert diese Zusammenhänge und verweist auf die Bedeutung sozialer Beziehungen, wenn wir posttraumatische Auswirkungen, wie z. B. ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen, verstehen wollen. Die Betrayal Trauma Theorie betont die Wichtigkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen sowohl in Bezug auf den Schaden als auch für die Heilungschancen von Trauma.
In der Vergangenheit wurde sich in Bezug auf Traumatisierungen mit Diagnosen und Behandlungsansätzen zumeist auf die psychologischen Angstreaktionen konzentriert, aber neue Forschung zeigt, dass Verrat ebenso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger ist, wenn wir Reaktionen auf traumatische Grenzüberschreitungen prognostizieren wollen. Freyd wird die Betrayal Trauma Forschung umreißen und unter anderem Forschungsergebnisse zum Einfluss der Opfer-Täter Beziehung auf Erinnerungsvermögen, Dissoziation und physische sowie geistige Gesundheit der Opfer diskutieren.

 

Vita: Professorin für Psychologie an der Uni Oregon in Eugene (USA). Sie hat einen BA in Anthropologie an der Uni von Pennsylvania, einen Ph.D .in Psychologie an der Stanford University. Prof. Freyd ist Expertin für Psychotraumaforschung mit dem Schwerpunkt: Auswirkungen der Beziehungsdimension des „traumatischen Verrates“, wozu sie umfangreiche Forschungsprojekte betreut. Frau Prof. Freyd ist die Hrsg. der internationalen Zeitschrift für Trauma & Dissoziation und hat das preisgekrönte Buch: Betrayal Trauma: The Logic of Forgetting Childhood Abuse geschrieben, sowie ihr brandneues Buch: Blind to Betrayal: Why We Fool Ourselves We Aren't Being Fooled. Ihre Forschungen haben zur Hervorhebung des Tagungsthemas maßgeblich beigetragen.

13:40

MoserJulia Schellong, Dr. med. univ. (Dresden)

 

Wer verrät wen? Umgang mit Loyalitäten in der Traumatherapie

 

Komplexe Traumafolgestörung sind nicht nur komplex durch die mehrfachen oder sequenziellen Traumatisierungen, die sie ausgelöst haben, sondern auch in der Herausforderung, die diese Störungen an Diagnostik und Behandlung stellen. Häufig spielen mehrgenerationelle Prozesse eine Rolle; Opfer-Täter-Konstellationen sind nicht immer klar zu unterscheiden; Beziehungsdynamik und Komorbidität komplizieren den Behandlungsverlauf. Manchmal gelingt eine Veränderung erst, wenn ein Augenmerk auf innere Loyalitäten oder Schweigegebote gelenkt wird. Der sozialen Ausgrenzung, Verleumdung oder Verrat ins Auge zu schauen erschüttert. Oft fühlen sich Betroffene selbst als Verräter. Manchmal wollen sie auch Therapeuten vor diesen harten Themen schützen. Dass Traumatherapie die innere Einschätzung stattgehabter Erlebnisse verändert, zeigt eine Studie über Veränderungen im CTQ im Verlauf des Klinikaufenthaltes. Neben diesem Befund wird in diesem Vortrag der klinische Umgang mit spezifisch auf diese Thematik bezogenen Fallkonstellationen dargestellt.

 

Vita: Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Carl-Gustav-Carus Dresden. Arbeitet mit Patienten in der Traumaambulanz und in stationärer Traumatherapie mit integrativen Behandlungsmodulen. Forschungsschwerpunkte sind ressourcenorientierte Techniken und psychophysiologische Veränderungen im Laufe der Therapie.Vorsitzende der DeGPT.

14:20

MarksEli Somer, Ph.D. (Israel)

 

Psychotherapie auf dem Prüfstand: Umgang mit Rechtsfragen im Bereich komplexer Psychotraumata und dissoziativer Störungen

 

Im Bereich von Trauma und Dissoziation wird sich oft auf die Auswirkungen von schwerer Kindesmisshandlung und Vernachlässigung konzentriert. Traumata, die in den meisten Justizsystemen schwere Straftaten darstellen. Diese Misshandlungen werden oft erst viele Jahre nachdem sie verübt wurden, vor Gericht gebracht, vor allem in Ländern, in denen die Verjährungsfrist für Kindesmisshandlungen erweitert wurde. Die professionelle Betreuung (z.B. Psychotherapie) von Kindesmisshandlungsopfern bedeutet eine immanente Bedrohung für die vermeintlichen Täter und ihre Sympathisanten und kann dazu führen, dass diese den Fachbereich, seine Methoden und die Psychotherapeuten, die sich dieser Arbeit verschrieben haben, diskreditieren. Menschen, die im Bereich von Trauma und Dissoziation arbeiten, können vor Gericht zitiert werden, entweder als Zeugen, die eingeladen werden, um von ihrer Behandlung der Anklägerin/des Anklägers zu berichten oder als Gutachter oder auch als Angeklagte. In diesem Vortrag werden einige Schlüsselthemen aufgezeigt, derer sich Fachleute in diesem Fachbereich bewusst sein sollten.

 

Vita: Er ist der Past President sowohl von der European Society for Trauma and Dissociation (ESTD) sowie der International Society for the Study of Trauma and Dissociation (ISSTD). Er ist klinischer Psychologe, Author von über 100 wissenschaftlichen Veröffentlichungen und zwei Büchern. Somer, Prof. an der Universität von Haifa, Israel hat als Berater des israelischen Parlaments gearbeitet, war Rechtsberater der Regierung und trat als Gutachter in Gerichtsverfahren auf, in denen es um sexuelle Straftaten ging.

15:00

Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände

15:30

BrunsGeorge F. Rhoades, Jr., Ph.D. (Hawaii, USA)

 

Kulturelle Unterschiede bei Verleumdung und Verrat im internationalen Bereich von Trauma und Dissoziation – Einführung

 

In diesem Vortrag wird auf die ethnischen und kulturellen Unterschiede von Verleumdung und Verrat eingegangen. Wie werden Begriffe wie „Verleumdung“ und „Verrat“ in verschiedenen Kulturen unterschiedlich konnotiert? Wie wird mit Verleumdung und Verrat in konflikthaften Situationen umgegangen? Gibt es Kulturen, die mit diesen Themen offener und/oder gewalttätiger umgehen als andere? Was sagen Literatur und Forschung zu diesem Thema?
In diesem Einführungsvortrag wird insbesondere der Unterschied zwischen Amerika und Hawaii beispielhaft illustriert und die Bedeutung bei der Behandlung dissoziativer Störungen hervorgehoben.

 

Vita: PhD in klinischer Psychologie und Beratung, Vorsitzender der ISSTD World seit 2003 und Direktor der Ola Hou Klinik in Hawaii. Spezialist für die Organisation von psychotraumatischer Ersthilfe in Kriegs- und Katastrophenregionen (z. B. Sudan).

16:10

BrunsManfred Thielen, Dr. (Berlin)

 

Das spezielle Problem von Verleumdung und Verrat in der Körperpsychotherapie

 

Körperpsychotherapie beinhaltet Settings, in denen es zu großer zwischenmenschlicher Nähe kommt. Psychodynamische regressive Brüche oder auch spätere konfliktdynamische Spannungen können aber auch bei erfahrenen KörperpsychotherapeutInnen zu nachträglichen Verratsdiskussionen führen, auf die ein Psychotherapeut vorbereitet sein sollte. Im Vortrag wird anhand von Fallbeispielen diese Beziehungsdynamik erläutert und Möglichkeiten aufgezeigt, wie das Potential für solche Konflikte methodisch verringert werden kann. Eine besondere Bedeutung hat dabei auch in einer humanistisch orientierten Körperpsychotherapie, in der die Ich-Du-Beziehung einen zentralen Stellenwert einnimmt, die Rolle von Übertragung und Gegenübertragung.

 

Vita: Psychologischer Psychotherapeut für TP, Körperpsychotherapie sowie VT. Einzel- & Gruppentherapie, Supervisor, Lehrtherapeut. Leitung des Instituts für Körperpsychotherapie Berlin. Seit 2005 Delegierter der PTK Berlin und der Bundespsychotherapeutenkammer. Seit 2003 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie (DGK).

16:50

Winja Marie LutzFrances S. Waters, MSW, DCSW, LMFT (USA)

 

Das traumatisierte Kind in der Zwickmühle zwischen Liebe und Verrat

 

Traumatisierte Kinder sind von Natur aus verletzlich und abhängig, sie müssen versuchen von ihren Eltern trotz deren Gewalttätigkeit soviel Fürsorge wie möglich zu bekommen. Sie haben eine inhärente Loyalität ihren Eltern gegenüber, während sie sich zugleich von ihnen verraten fühlen. In diesem Vortrag soll untersucht werden, was Kinder in einem solchem Fall fühlen und wie sie Dissoziation nutzen, um dem Unentrinnbaren zu entfliehen, dabei werden immer auch Implikationen für eine psychotherapeutische Behandlung erläutert.

 

Vita: international bekannte Psychotherapeutin für dissoziative/komplextraumatisierte Kinder und Jugendliche. Psychotherapieausbilderin, Sozialarbeiterin und Forensische Gutachterin für den Bereich Gewalt gegen Kinder, sexuelle und familiäre Gewalt. Private Praxis mit Kindern und Erwachsenen. Internationale Fortbildungen zu Ihrem Therapieansatz in den USA, Europa als auch in Südafrika und Argentinien geleitet.

17:30

Veranstaltungsende

 

Zeit

Freitag, 14.06.2013, 2. Vortragstag

8:00

Öffnung des Tagungsbüros

9:00

TwomblyJennifer J. Freyd, Ph.D (USA)

 

Blindheit für den Verrat, institutioneller Verrat und das Sprechen über Verrat
 
In ihrem zweiten Vortrag wird Professor Freyd die neueste Forschung zum Betrayal Trauma vorstellen, Forschung zur Blindheit für den Verrat, zu institutionellem Verrat und zur Offenlegung von Verrat. Mit „Blindheit für den Verrat“ wird beschrieben, dass Menschen auf Verrat reagieren, indem sie ihn nicht bewusst wahrnehmen, nicht erkennen oder vergessen. Diese Blindheit kann sich auch auf Verrat ausdehnen, den wir traditionell nicht als traumatisch bewerten, wie z. B. Ehebruch, Verleumdung und Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft. Die Opfer, Täter und Zeugen verhalten sich blind gegenüber dem Verrat, um Beziehungen, Institutionen und andere soziale Systeme zu bewahren, von denen sie abhängig sind.
Der Begriff „institutioneller Verrat“ bezieht sich auf das Fehlverhalten von Institutionen gegenüber Individuen, die von dieser Institution abhängig sind. Dazu zählt es auch, wenn das Fehlverhalten, das zwar von Individuen, aber im Kontext einer Institution begangen wird, nicht geahndet wird oder die Opfer nicht unterstützt werden (z.B. bei sexueller Belästigung). Neue Forschung legt nahe, dass institutioneller Verrat die Wirkung zwischenmenschlicher Traumata verschärfen kann. Freyd wird außerdem Forschung vorstellen, die sie zusammen mit ihren KollegInnen durchgeführt hat, in der untersucht wurde, welche Auswirkungen es hat über ein erlebtes Trauma zu sprechen. Sie wird dabei diskutieren, wo die Risiken und Heilungschancen liegen, wenn wir über Trauma durch Verrat sprechen.
 

Vita: Professorin für Psychologie an der Universität Oregon in Eugene (USA). BA in Anthropologie an der Universität von Pennsylvania, Ph.D in Psychologie an der Stanford Universität. Prof. Freyd ist Expertin für Psychotraumaforschung mit dem Schwerpunkt: seelische und kognitive Auswirkungen der Beziehungsdimension des „traumatischen Verrates“, wozu sie umfangreiche Forschungsprojekte ins Leben ruft und auch interdisziplinär betreut. Autorin von über 100 Fachartikeln und Monografien. Frau Prof. Freyd ist die Herausgeberin der internationalen Zeitschrift für Trauma & Dissoziation. Ihre Forschungen haben zur Hervorhebung des Tagungsthemas maßgeblich beigetragen.

10:00

TwomblyRalf Vogt, Dr. (Leipzig)

 

Zur Unausweichlichkeit der Bearbeitung von Verleumdung und Verrat in der Behandlung dissoziativer Störungen

Im Vortrag sollen zunächst grundsätzliche theoretische und empirische Gedanken und Erfahrungen aus der langjährigen Arbeit mit komplextraumatisierten / dissoziativen PatientInnen zum Rahmenthema des Symposiums vorgestellt werden. Darin kommt u. a. zum Ausdruck, dass Verleumdung und Verrat quasi regelmäßig wichtige und zum Teil notwendige Durchgangsthemen bei nahezu allen schwerst traumatisierten Patienten in der ursachenorientierten aufdeckenden Psychotraumaarbeit sind. Dies könnte somit eventuell ein dramatischer Höhepunkt des inneren und äußeren Machtkampfes der dissoziierten psychischen Anteile in Wechselwirkung mit Tätergruppen oder täterloyalen Kräften in der sozialen Umwelt sein. Fallvignetten sollen dazu interessante Verbindungslinien herstellen. Hierbei wird deutlich, dass Verleumdung und Verrat auch eine generelle Psychodynamik in der Gesellschaft und somit auch in der Fachgesellschaft sind, wo das Neue und Andere mit solcherart böswilligen Attacken bekämpft wird, um eigene Labilisierungen, Einsichten und stringente Veränderungsanforderungen zu vermeiden. Nicht zuletzt deshalb ist es von großer Bedeutung dieses oft intrigant verdrängte Thema sowohl zum Fortschritt in der Psychotherapie als auch zur Entwicklung unserer gemeinsamen Lebenswelt jetzt offensiver und klarer anzugehen.

 

Vita: Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis seit 1992, zertifizierter Psychotraumatologe, Psychoanalytiker, analytischer Körperpsychotherapeut, systemischer Familientherapeut und Therapeut für Katathymes Bilderleben. Achtjährige klinische stationäre Tätigkeit, Fachpsychologe der Medizin. 2011 wurde Dr. Vogt in den internationalen Vorstand der ISSTD (International Society for the Study of Trauma und Dissociation) gewählt und erhielt den Fellow Award der ISSTD für herausragende theoretische und praktische Beiträge. Arbeit am eigenen Behandlungsprogramm für komplextraumatisierte/dissoziative Störungen seit 1996. Seit 2001 unter dem Titel SPIM-20- bzw. später SPIM-30-KT zusammen mit seiner Ehefrau. Ausbildungsleiter am Trauma-Institut-Leipzig sowie für nationale und internationale Institute. 2002 Gründung des Trauma-Institut-Leipzig und der Leipziger Akademie für ganzheitliche Psychotherapie zusammen mit seiner Frau. Zahlreiche Artikel- und Buchveröffentlichungen.

 

Literatur: Vogt, R. (2007): Psychotrauma, State, Setting. Psychoanalytisch-handlungsaktives Modell zur Behandlung von Komplex-Traumatisierten u. a. Störungen (SPIM-20-KT). Gießen: Psychosozial-Verlag (Monografie)
Vogt, R. (Hrsg.) (2010): Ekel als Folge traumatischer Erfahrungen. Psychodynamische
Grundlagen und Studien, psychotherapeutische Settings, Fallbeispiele. Gießen: Psychosozial Verlag.
Vogt, R. (Hrsg.) (2012): Täterintrojekte. Diagnostik und Behandlungsmodelle dissoziativer
Strukturen. Kröning: Asanger Verlag.

11:00

Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände

11:30

MarksEli Somer, Ph.D. (Israel)

 

Wie können wir dissoziative Störungen vor Gericht interpretieren und das Kreuzverhör überstehen?

 

Dissoziative Störungen werden unter Fachleuten inoffiziell schon seit mehr als 100 Jahren akzeptiert. Die entsprechenden Störungsbilder und ihre Behandlungsmethoden sind in den Gerichtssälen verschiedenster Länder massiv angegriffen worden, sodass Richter verwirrt und verunsichert sind, ob die Diagnose eines Patienten mit dissoziativer Störung legitim ist und welche rechtlichen Konsequenzen sie möglicherweise hat (z. B. Erinnerungen).
In diesem Vortrag wird es darum gehen, zu zeigen, wie das Gesetz Dissoziation möglicherweise wahrnimmt. Es werden wichtige Fragen bezüglich des Zusammenspiels zwischen Dissoziation und Gesetz beantwortet. So zum Beispiel: Erkennen die Gerichte Dissoziation und dissoziative Identitätsstörung (DIS) als echte psychiatrische Diagnosen an? In welchem Zusammenhang stehen DIS und der juristische Umgang mit Amnesie? Kann eine DIS Diagnose zur Verteidigung einer Straftat eingesetzt werden? Können Sachverständige in einem Gerichtsprozess zugelassen werden, um die DIS Diagnose eines Angeklagten zu bestätigen? Wie steht es um die Beziehung zwischen DIS und dem juristischen Umgang mit hypnotisch wiedererlangten Erinnerungen? Was ist der Behandlungsstandard von DIS? Zusätzlich wird es in diesem Vortrag auch um die Schlüsselprinzipien für die Aussage vor Gericht als Sachverständiger gehen und darum, wie man am besten mit Kreuzverhören umgehen kann.
Dieser Vortrag basiert teilweise auf dem Vortrag von Scheflin & Somer (April, 2010): Advocacy On The Defense: Coping With Attacks On The Field Of Trauma And Dissociation - Ten Questions An Expert Must Answer About DID In Court, der auf der 2. internationalen Konferenz der ESTD in Belfast, Nordirland gehalten wurde.

 

Vita: Er ist der Past President sowohl von der European Society for Trauma and Dissociation (ESTD) sowie der International Society for the Study of Trauma and Dissociation (ISSTD). Er ist klinischer Psychologe, Author von über 100 wissenschaftlichen Veröffentlichungen und zwei Büchern. Somer, Prof. an der Universität von Haifa, Israel hat als Berater des israelischen Parlaments gearbeitet, war Rechtsberater der Regierung und trat als Gutachter in Gerichtsverfahren auf, in denen es um sexuelle Straftaten ging.

12:30

Mittagsimbiß vor Ort sowie Buch-, CD-, Infostände

13:30

HuberHarald Requardt, Dipl.Soz.-Päd. (Stuttgart)

 

„Unglaublich, aber wahr“
– über die Schwierigkeit, Verrat zu realisieren.

 

Verrat erfolgt auf unterschiedlichsten Ebenen: nicht nur in Beziehungen, auch gesellschaftlich und innerpsychisch. In Paar- oder Familientherapien begegnet uns Verrat bei vielen Geheimnissen oder bei Lügen. Ein „so tun als ob“, ein Maskieren der wahren Motive und Ziele des Handelns wurde schon lange in Zusammenhang gebracht mit der Entstehung psychotischer Verrückung. In gewalttätigen Beziehungen oder perversen Strukturen wird Verrat manchmal schon so gezielt und mit (Schaden)-freude gelebt, dass sowohl Patienten als auch Therapeuten sich schwer tun, das Ausmaß zu realisieren. In der Arbeit mit DDNOS- oder DIS-Patientinnen begegnen wir einem Ausmaß an Verrat auf allen Ebenen, der so immens ist, dass es leichter fällt, ein Geschehen als wahnhaft zu deuten, denn für wahr zu halten. Das Wahrnehmen von Strukturen organisierten und strukturierten Verrats bei den Lebensgeschichten dieser Patientinnen setzt auf Seiten von Therapeuten die Bereitschaft voraus, Illusionen als solche zu erkennen und aufzugeben.
Komplex Traumatisierte berichten häufig von Geschehnissen, die „unglaublich“ erscheinen. Nicht selten werden Schilderungen oder Verhalten als „psychotisch“, „manisch“ oder ähnlichem mehr bewertet. Therapeuten werden nur dann zumindest eine kritische Realitäts-Prüfung vornehmen, wenn sie eine Realität für möglich erachten. Voraussetzung dafür ist eine Kenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeiten. Der Focus dieses Vortrages liegt auf der Realisierung dieser äußeren Wirklichkeiten, als einer Voraussetzung, den Betroffenen mit ihrer inneren Realität gerecht werden zu können.

 

Vita: Psychotherapeut (ECP), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, EMDR-Therapeut und -Supervisor (EMDRIA), PITT-Therapeut und -Supervisor; Systemischer Lehrtherapeut und Lehrender Supervisor (DGSF); 1982 – 1992 Tätigkeit in der Jugendhilfe. Leitet seit 1992 zusammen mit Gaby Breitenbach Villa Lindenfels, Institut für systemische Therapie und Traumatherapie, Stuttgart.

14:30

Winja Marie LutzFrances S. Waters, MSW, DCSW, LMFT (USA)

 

Das traumatisierte Kind in der Zwickmühle zwischen Liebe und Verrat

 

Es braucht eine vertrauensvolle Atmosphäre, wenn wir dissoziativen Kindern dabei helfen wollen, ihre Schutzmechanismen aufzudecken und ihre unverdienten aber verständlichen Gefühle von Scham und Verrat zu offenbaren. In diesem Vortrag wird anhand von therapeutischen Strategien und Fallbeispielen beschrieben, wie man Kindern dabei helfen kann ihre amnestischen Barrieren aufzulösen, um mit versteckten Anteilen wieder in Kontakt zu kommen, die unter der Scham, dem Verrat und der Angst vor Vergeltung leiden.

 

Vita: international bekannte Psychotherapeutin für dissoziative/komplextraumatisierte Kinder und Jugendliche. Psychotherapieausbilderin, Sozialarbeiterin und Forensische Gutachterin für den Bereich Gewalt gegen Kinder, sexuelle und familiäre Gewalt. Private Praxis mit Kindern und Erwachsenen. Internationale Fortbildungen zu Ihrem Therapieansatz in den USA, Europa als auch in Südafrika und Argentinien geleitet.

15:30

Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände

16:00

BrunsWinja Lutz (Leipzig)

 

Der elterliche Todeswunsch als tiefster Verrat

 

Die Ausbildung dissoziativer Störungen ist schon in vielen Studien und klinischen Beobachtungen an das Vorhandensein traumatischer Erlebnisse in der Kindheit geknüpft worden. Dabei wurde aber auch festgestellt, dass nicht alle traumatisierten Patienten dissoziative Störungen entwickeln. Die Autorin wollte untersuchen, welche spezifischen Erlebensmuster möglicherweise die Entstehung dissoziativer Symptomatik begünstigen und hat dafür eine Studie mit 36 Patienten einer traumatherapeutischen Praxis durchgeführt. In dieser Studie wurde der Zusammenhang zwischen Dissoziation, Betrayal-Trauma (nach J. J. Freyd), vor allem in Form von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und infantizider Bindung (B. Kahr) untersucht. Dabei kamen der Fragebogen für dissoziative Symptome (FDS-20), der Brief Betrayal Trauma Survey (DE-BBTS) und der Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) zum Einsatz.
Sexueller Missbrauch durch Bezugspersonen beinhaltet eine Doppelbotschaft, da das Kind gezielt und schwerwiegend beschädigt wird, während der Täter oder die Täterin etwas vom Kind verlangt. Es bekommt also die implizite Botschaft: Stirb (im emotionalen Sinne), aber sei verfügbar. Im CTQ gibt es das Item: „Als ich aufwuchs, glaubte ich, dass meine Eltern wünschten, ich wäre nie geboren“, dieses Item beschreibt die immanente Botschaft einer infantiziden Bindung. Das Konzept der infantiziden Bindung wurde von Brett Kahr entwickelt und von Adah Sachs verfeinert. Die Autorin hat in ihrer Studie die Hypothese untersucht, dass eine solche infantizide Bindung, vor allem in Verbindung mit sexuellem Missbrauch zu besonders starken dissoziativen Symptomen führt, in der Annahme, dass eine infantizide Bindung ein hohes Maß an Verrat beinhaltet und einen starken Double Bind herstellt.
Im Vortrag soll das Konzept der konkreten und symbolischen infantiziden Bindung nach Adah Sachs erläutert werden, um im Folgenden die Ergebnisse der durchgeführten Studie vorzustellen und die möglichen klinischen Implikationen für die Forschung und die Praxis zu umreißen.

 

Vita: Erzieherin, Diplom bildende Künstlerin, Bachelor Psychologin, Traumafachberaterin i.A. Arbeit als Erzieherin in der stationären Jugendhilfe, als wissenschaftliche Mitarbeiterin in psychotherapeutischer Praxis und als Dolmetscherin im traumatherapeutischen Fachbereich.

16:30

PfäfflinAxel Petermann (Bremen)

 

Verleumdung und Verrat: Auf der Spur des Bösen

 

Die Forschung streitet auf unterschiedlichen Ebenen darüber, was das Böse bei der kriminellen Bewältigung von zwischenmenschlichen Beziehungen ausmacht. Ist es die Natur oder die genetische Disposition des Menschen, die Gesellschaft, in der er aufwächst, seine Erziehung und sein erworbenes Wertesystem oder ist es die fehlende Kompetenz, sich in andere hineinzuversetzen und Empathie entwickeln zu können?
Auch wenn bei den meisten Taten die Kraft der Situation darüber entscheidet, ob ein Mensch getötet wird oder nicht, zeigt der kriminalistische Alltag, dass immer wieder Täter Methoden der Verleumdung und des Verrats sich selbst oder anderen gegenüber nutzen, auch um das Vertrauen von Opfern und Mittätern zu gewinnen, um damit ihre Verbrechen realisieren zu können.
An zwei realen Tötungsdelikten aus seiner Praxis zeigt Axel Petermann beispielhaft Abgründe menschlicher Verhaltensweisen und nähert sich dabei dem Bösen.

 

Vita: seit fast 40 Jahren bei der Kriminalpolizei, davon über 35 Jahre als Mordermittler, Leiter einer Mordkommission und stellvertretender Leiter für Gewaltdelikte, Profiler und hat bereits in über 1.000 Fällen ermittelt: Tötungsdelikte, Unfälle, Suizide. Außerdem lehrt er Kriminalistik und berät die Bremer Redaktion Tatort (ARD-Krimiserie).

17:30

Veranstaltungspause, keine Verkaufsstände

20:00

Tagungsfest mit Barbecue, Meigl Hoffmann, Tanz mit DJ Andy und Clownseinlagen der Leipziger Nasen

(Achtung: gesonderte Eintrittskarte notwendig)

BBQMeigl HoffmannDJ AndyLeipziger NasenClown

 

Zeit

Samstag, 15.06.2013, 3. Vortragstag

8:00

Öffnung des Tagungsbüros

9:00

TwomblyEllert Nijenhuis, Ph.D. (Niederlande)

 

Schwere Dissoziation der Persönlichkeit bei Verleumdung und Verrat

 

Schwere Dissoziation der Persönlichkeit hängt kausal mit chronischer Traumatisierung in der Kindheit zusammen. Zu den Traumatisierungen gehören, neben sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung auch emotionale Vernachlässigung und Misshandlung. Verleumdung und Verrat gehören zu dieser emotionalen Traumatisierung und liegen den tiefen Bindungsstörungen und dissoziativen Tendenzen zugrunde. Die einfachste Form der Dissoziation besteht aus der Spaltung zwischen einem Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteil (ANP) und einem Emotionalen Persönlichkeitsanteil (EP). Der ANP wird besonders von Handlungssystemen wie dem Fürsorgeverhalten, der Exploration, dem Energiemanagement und dem Spiel, bestimmt. Er ist der Prototyp, der darauf konzentriert ist im Alltag zu funktionieren. Der EP steckt in den traumatischen Erinnerungen fest und lebt immer noch im “Traumaland”. Der klassische EP ist mit den instinktiven Verteidigungsmechanismen, wie Flucht, Erstarrung, Kampf oder sich-tot-stellen, beschäftigt, mit denen er auf tatsächliche und wahrgenommene Gefahren reagiert. Bei schwerer Dissoziation kommt es zu zwei weiteren prototypischen EP’s. Der eine ist mit dem Versuch beschäftigt Bindung herzustellen, der andere imitiert die Täter in dem Versuch ein Stück Kontrolle wiederzuerlangen. Beeinflusst durch die Handlungssysteme der sozialen Dominanz, kann der kontrollierende EP das, was er als den Körper der anderen Anteile wahrnimmt, verletzen oder sogar umbringen wollen. Nach schwerer physischer und emotionaler Traumatisierung durch die Eltern, wird der ANP üblicherweise die EP’s und die traumatischen Erinnerungen ignorieren und es den wichtigen Erwachsenen recht machen, um ihre Liebe zu bekommen. EP’s, die für die aktive Verteidigung zuständig sind, fühlen sich zerbrechlich, haben Angst vor den Eltern, gegen die sie sich wehren und ebenso vor dem kontrollierenden EP und sie fühlen sich im Stich gelassen von dem ignorierenden ANP. Der kontrollierende EP ignoriert seine eigene Verletzlichkeit und versucht seine absolute Ohnmacht gegenüber den gewalttätigen Eltern zu kompensieren, indem er diese imitiert. Traumatisierende Eltern oder andere Familienmitglieder zeigen ebensolche Wechsel zwischen Ignoranz, Verletzlichkeit und Kontrolle. Ähnliche Parallelen gibt es auch in der Gesellschaft im Allgemeinen. Wo es um chronische Kindheitstraumatisierungen geht, gibt es diese Parallelen also unter Opfern, Tätern, Familien, in der Psychiatrie und in der Gesellschaft im Allgemeinen. Sie alle zeigen Eigenschaften des ANP, des Opfer EP’s und des kontrollierenden EP’s.

 

Vita: Ellert Nijenhuis arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit chronisch traumatisierten Patienten und ist einer der führenden Dissoziationsforscher in der Welt und Referent auf vielen internationalen Konferenzen. Zusammen mit Prof. Onno van der Hart und Kathy Steele hat er die Theorie der Strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit entwickelt.

10:00

TwomblyIrina Vogt, DP (Leipzig)

 

Verleumdung und Verrat in der Psychotherapie dissoziativer PatientInnen

 

Zu Beginn des Referates soll ein theoretischer Bezug zum Rahmenthema hergestellt und die Bedeutung des Themas für die spezielle psychotherapeutische Arbeit mit hochdissoziativen PatientInnen hergestellt werden. Danach sollen persönliche Erfahrungen mit dem Gegenstand im Rahmen von Selbsterfahrung und Ausbildung als tiefenpsychologische Psychotherapeutin als individuelles erstes Bekanntwerden mit den Verleumdungs- und Verratsaspekten beschrieben und in der Tragweite der Kollegenfortbildung benannt werden. Hier ist es leider noch oft so, dass gerade für junge Kollegen diese schwerwiegenden Sachverhalte und emotionalen Belastungen nicht oder nicht ausreichend von den Ausbildern aufgezeigt werden und zum Teil bereits hier ein sehr gespaltener Umgang mit dem Beziehungsthema praktiziert und unter Umständen normiert wird.
Fallvignetten aus der ambulanten klinischen Praxis in einer psychotherapeutischen Versorgungseinrichtung sowie der aktuellen Niederlassungsstruktur sollen der Kern des weiteren Vortrages sein.
Hierbei konnten schwerwiegende Symptomatiken von Verleumdung und Verrat mit Hilfe von Selbstoffenbarungen der PatientInnen selbst als auch durch erlaubte Rückkopplungen der mitbehandelnden ÄrztInnen als auch in interessanten Einzelfällen durch wechselseitig erlaubten Informationsaustausch mit den behandelnden PsychotherapeutInnen der parallel psychotherapeutisch behandelten LebensgefährtenInnen erfasst und gemeinsam psychotherapeutisch zur Effektivierung der parallelen Therapieschritte verwendet werden.
Das respektvolle aber auch konfrontative Durcharbeiten dieser brisanten Beziehungsproblematiken bewirkte in jedem Falle einen deutlichen Behandlungsfortschritt.
Im Hintergrund waren bei allen PatientInnen Mängel in der inneren Anteilearbeit zu konstatieren, wo negative zerstörerische Täterintrojekte systematisch doppelte Buchführungen eingerichtet hatten. Es gehörte zum dynamischen Zweck dieser Anteile, gerade diese Verfahrensweise langfristig, heimlich und zielgetreu zu verfolgen. Außerdem waren traumatische Täterübertragungen mit Bindungsverlust und Bestrafungsangst Ursache des verdeckten Agierens. Als weitere wichtige und schwerwiegendste Quellen von Verleumdung und Verrat stellten sich konkrete Täterprogramme und bis dato unbekannte aktuelle Täterkontakte der betroffenen bzw. ausagierenden PatientInnen heraus.

 

Vita: Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis seit 1992. Zertifizierte Psychotraumatologin, Tiefenpsychologin, Gruppentherapeutin. Ausbildung in analytischer Körperpsychotherapie und kreativer Spieltherapie. Zwölfjährige klinische Tätigkeit in ambulanter Poliklinik. Fachpsychologin der Medizin. Spezialistin für dissoziative Störungen seit 1995 und Mitglied in nationalen und internationalen Fachverbänden. 2011 bekam sie den Fellow Award der ISSTD (International Society for the Study of Trauma und Dissociation) für herausragende theoretische und praktische Beiträge. Mitentwicklung des hauseigenen Behandlungsprogramms SPIM-20- bzw. später SPIM-30-KT seit 2001 zusammen mit ihrem Ehemann. Ausbildungsleiterin am Trauma-Institut-Leipzig sowie für nationale und internationale Institute.

11:00

Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände

11:30

PfäfflinAlbert Newen, Prof. Dr. (Bochum)

 

Die Grundlagen von Fehlwahrnehmung, Selbsttäuschung und Täuschung Anderer

 

Unsere Alltagswahrnehmung ist keine Fotografie der Welt als das Ergebnis vielfältiger Konstruktionsprozesse im Gehirn. Diese Prozesse sind stark situationsabhängig und daher auch form- und manipulierbar. Fehlwahrnehmungen können daher nicht nur unterlaufen, sondern natürlich auch gezielt hergestellt werden. Davon lebt im positiven Fall das Spiel der Zauberei und im negativen Fall wird uns ein verzerrtes Bild der Welt geliefert. Allerdings sind wir nicht nur passiv ggf. Opfer von Verzerrungen. Im Alltag erleben wir viele Dinge, die nicht wir so gerne in unser Weltbild integrieren möchten: Das Bild, dass der eigene Sohn ein begabter Schüler ist, möchte man nicht so gerne aufgeben. Wenn der nun ständig schlechte Noten nach Hause bringt, so macht man zunächst den schlechten Unterricht verantwortlich oder die fehlende Vorbereitung des Sohnes. Auch neigen wir dazu, harte Fakten durch Selbsttäuschung weg zu rationalisieren. So sehr eine weit verbreitete Selbsttäuschung in geringem Ausmaß die Motivation aufrecht erhalten kann, so diese kann jedoch rasch in ein verzerrtes Weltbild umkippen. Ähnliches gilt für die Fremdtäuschung: Eine Außendarstellung, in der wir gesellschaftliche Rollen übernehmen, mag oftmals nur teilweise "innerlich" angenommen sein, aber wir sind uns einig, dass wir ein Recht auf ein privates Ich haben, welches harmlose Fremdtäuschungen mit sich bringt. Problematisch dagegen sind Fälle, wie sie beispielhaft im Falle eines Hochstaplers oder bei der antisozialen Persönlichkeit zu finden sind. In der Interaktion mit anderen stehen wir stets vor einem Balanceakt zwischen Vertrauen und Kontrolle.

 

Vita: Professor für Philosophie an der Ruhr Universität Bochum, verschiedenene Gastprofessuren in England und den USA. Er ist häufiger Autor in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ und forscht ausgesprochen interdisziplinär zu den Themen Selbsttäuschung, Handlungsbewusstsein und Urheberschaft.

12:30

Mittagsimbiß vor Ort sowie Buch-, CD-, Infostände

13:30

HuberBernd Nitzschke, Dr. phil. (Düsseldorf)

 

Verrat und Verleumdung eines Psychoanalytikers oder Rettung der Psychoanalyse unter Hitler?
Wilhelm Reichs Ausschluss aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1933 – und die Folgen

 

Nach einführenden Überlegungen zum Thema Verrat wird der „Fall“ Wilhelm Reich als Exempel vorgestellt. Zu den Folgen dieses „Falls“ gehören die Kontroversen der psychoanalytischen Geschichtsschreibung nach 1945 (also z. B. die Verfälschung, der Ausschluss R. sei ein "freiwilliger Austritt" gewesen) wie die Tatsache, dass wichtige Themen, die Reich behandelt hat – etwa die Bedeutung des Körpers in der Psychoanalyse –, erst Jahrzehnte später wieder Eingang in den wiss. Diskurs finden konnten (und dann meist ohne Nennung von Reich, an dem bis heute der Makel hängen geblieben ist, er sei doch eigentlich verrückt gewesen; auch auf diese Verleumdung, die mit Reichs Lehranalytiker Paul Federn beginnt, werde ich eingehen).

 

Vita: Niederlassung als Psychoanalytiker (DGPT) in eigener Praxis in Düsseldorf seit 1988. Arbeit an verschiedenen Instituten als Lehranalytiker, Lehrtherapeut, Supervisor und Dozent. Mitbegründer bzw. Mitherausgeber von verschiedenen psychoanalytischen Fachzeitschriften. Als Psychoanalysehistoriker ein deutschlandweit gefragter Fachmann.

14:30

TwomblyRalf Vogt, Dr.; Irina Vogt, DP; Winja Lutz (Leipzig)

 

Zur Erforschung von Verleumdung und Verrat mittels anonymer Befragungsbögen von Patienten und Angehörigen
 
Die anonyme Befragung von Klienten und Bezugspersonen ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, welches in Anbetracht der themenimmanenten Intrigenstrategie dennoch zu einer erfreulichen Rücklaufquote von ca. 66 % der Fragebögen führte.
Nach der überblicksartigen Darstellung der Fragebogenstrukturen, Auswertungsratings und Stichprobenzusammensetzung werden anhand von klinisch-empirisch geleiteten Forschungshypothesen sowohl Einblicke in individuelle Antwortmuster gegeben als auch stichprobenspezifische Forschungsfragen erläutert und Ergebnisse dieser Pilotstudie vorgestellt. Hierbei zeigt sich recht deutlich, dass Verleumdung und Verrat ausnahmslos ein zentrales Beziehungsthema der komplextraumatisierten/dissoziativen Patienten ist. Dabei scheint es so zu sein, dass gerade die Familienangehörigen unserer komplextraumatisierten Patienten, die überdurchschnittlich häufig selbst Verursacher von Verleumdung und Verrat sind, sich durch die Psychotherapie ihrer Familienmitglieder überzufällig häufig verraten und verleumdet fühlen. Projizierende Täter scheinen somit gerade den TherapeutInnen prinzipiell Täterschaft zu unterstellen in dem Versuch die Opfer-Täter Dynamik umzukehren.
Andererseits werden auch Beispiele von positiver Resonanz von LebensgefährtInnen gegenüber der psychotherapeutischen Behandlung ihrer Partner benannt, was untermauert, wie wichtig es ist, diese kooperativ einzubeziehen, so wie es im SPIM-30-Konzept verankert ist. Auch der positive Einfluss eines zusätzlichen gruppentherapeutischen Angebots wird durch diese Fragebogenerhebung unterstützt. Ausagierte Verleumdung- und Verratsthematiken können innerhalb eines sozialen Kontexts besser und schneller aufgegriffen und bearbeitet werden. Die zusätzliche Gruppenorientierung scheint vor allem in der zweiten Therapiephase der Einzeltherapie für komplextraumatisierte/dissoziative Klienten besonders fruchtbar und notwendig zu sein. Ein Teil unserer schwerst gestörten Klienten könnte den Machtsystemen ihrer chronifiziert gestörten Herkunftsfamilien (oder anderen Tätersystemen) sonst nicht entkommen.
Verleumdung und Verrat können durch unserer Forschungsstudie als ein maßgeblicher Einflussfaktor aufgezeigt werden, den es in der psychotherapeutischen Arbeit dringend zu berücksichtigen gilt.

 

Vita: Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis seit 1992, zertifizierter Psychotraumatologe, Psychoanalytiker, analytischer Körperpsychotherapeut, systemischer Familientherapeut und Therapeut für Katathymes Bilderleben. Achtjährige klinische stationäre Tätigkeit, Fachpsychologe der Medizin. 2011 wurde Dr. Vogt in den internationalen Vorstand der ISSTD (International Society for the Study of Trauma und Dissociation) gewählt und erhielt den Fellow Award der ISSTD für herausragende theoretische und praktische Beiträge. Arbeit am eigenen Behandlungsprogramm für komplextraumatisierte/dissoziative Störungen seit 1996. Seit 2001 unter dem Titel SPIM-20- bzw. später SPIM-30-KT zusammen mit seiner Ehefrau. Ausbildungsleiter am Trauma-Institut-Leipzig sowie für nationale und internationale Institute. 2002 Gründung des Trauma-Institut-Leipzig und der Leipziger Akademie für ganzheitliche Psychotherapie zusammen mit seiner Frau. Zahlreiche Artikel- und Buchveröffentlichungen.

15:30

Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände

16:00

BrunsWiebke Bruns, Dipl.-Psych. (Leipzig)

 

Verleumdung und Verrat in niedrigschwelligen Angeboten - gibt es so etwas, wie macht es sich bemerkbar und wie gehen wir damit um.
Erfahrungsbericht aus einer sechsjährigen Vereinsarbeit

Innerhalb des Referats soll auf der Grundlage einer sechsjährigen Vereinsarbeit im Bereich der Psychotraumatologie die oftmals schwierige Durchführung wegen des Potenzials an Verrats- und Verleumdungsprozessen auch von Menschen in niedrigschwelligen Angeboten vorgestellt und diskutiert werden. Anhand eines konkreten Fallbeispiels wird verdeutlicht, wie sich Verleumdung und Verrat in einem Vereinsangebot gezeigt haben, welche Spezifiken und strukturellen Hürden bestanden und wie damit umgegangen wurde. In einer anschließenden Diskussion können ggf. Erfahrungen geteilt, Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühle ausgetauscht und diskutiert werden.

 

Vita: Dipl.-Psych. Wiebke Bruns aus Leipzig. Körpertherapeutin, Traumafachberaterin (TIL), Psychotraumatherapeutin i.A. (TIL, KBAP), Gründungsmitglied des Psychotraumazentrums Leipzig e.V., SAFE®-Mentorin (bindungsorientiertes Fortbildungsprojekt für werdende Eltern nach Brisch, LMU-München), Selbstständige Kursleitertätigkeit im Bereich Psyche & Körper. Mehrjährige klinische Tätigkeit als Psychologin.

16:30

BrunsGeorge F. Rhoades, Jr., Ph.D. (Hawaii, USA)

 

Kulturelle Unterschiede bei Verleumdung und Verrat im internationalen Bereich von Trauma und Dissoziation – Praxis

 

In diesem Vortrag werden Fallbeispiele vorgestellt, in denen Verleumdung und Verrat im internationalen Bereich von Komplextrauma und Dissoziation eine besondere Rolle spielen. Der Autor wird hier besonders auf seine Erfahrungen in Krisengebieten in Asien und Afrika eingehen. Anhand seiner langjährigen Erfahrung in diesem Bereich wird er praxisnah seine Herangehensweisen vorstellen wie mit Verleumdung und Verrat bei internationalen, interkulturellen Konflikten umgegangen werden kann und welche Schwierigkeiten und Besonderheiten dabei zu beachten sind. Zuhörer können auch eigene Fallbeispiele in die Diskussion einbringen. Eine brisante Frage ist unter anderem, unter welchen Bedingungen ein früherer Verrat vergeben werde könnte.

 

Vita: PhD in klinischer Psychologie und Beratung, Vorsitzender der ISSTD World seit 2003 und Direktor der Ola Hou Klinik in Hawaii. Spezialist für die Organisation von psychotraumatischer Ersthilfe in Kriegs- und Katastrophenregionen (z. B. Sudan).

17:30

Veranstaltungsende

 

Sonntag, 16.06.2013
10.00 – 18.00 Uhr

Postsymposium

(Bereits ausgebucht! Anmeldung nur noch für Warteliste)

Anderer Veranstaltungsort !: Leipziger Akademie, Leipziger Straße 36a, 04178 Leipzig

Colin RossSeminarworkshop: Die Dreieinigkeit von Trauma und Dissoziation behandeln: Ignoranz, Zerbrechlichkeit und bösartige Kontrolle überwinden.

Ellert Nijenhuis, Ph.D. (Niederlande)

In diesem Workshop wird der Fokus auf den praktischen Implikationen liegen, die eine dissoziative Persönlichkeit nach chronischer Kindheitstraumatisierung mit sich bringt, dies beinhaltet neben sexueller und physischer Gewalt auch Verleumdung und Verrat.
Die Spaltung der Persönlichkeit als ein ganzes System zieht drei prototypische Anteile nach sich: Der anscheinend Normale Persönlichkeitsanteil (ANP), emotionale Anteile, die mit instinktiven Verteidigungsmechanismen beschäftigt sind und auf tatsächliche und wahrgenommene Gefahren reagieren (Opfer EP) und emotionale Anteile, die die Täter imitieren (kontrollierender EP). So wie die Persönlichkeit als allumfassendes System, hat jeder dieser Prototypen eine biologische, psychologische und psychosoziale Beschreibung. Das bedeutet, dass die Persönlichkeit eines Individuums und die dissoziativen Anteile dieser Persönlichkeit, den Körper und den Geist nicht als zwei unterschiedliche Instanzen begreifen, sondern ihr Körper und ihr Geist sind unterschiedliche Attribute eines lebenden Systems (Persönlichkeit) oder Subsystems (dissoziierte Anteile der Persönlichkeit). Die unterschiedlichen Typen dissoziativer Anteile haben Angst voreinander, vermeiden sich gegenseitig und mögen sich nicht. Diese Phobien erhalten die Dissoziation der Persönlichkeit aufrecht, genauso wie die Phobie des ANP vor den traumatischen Erinnerungen des EP. Die Heilung erfordert also die gemeinsame Behandlung aller dissoziativen Anteile.

Um sich von der langen Geschichte interfamiliärer Misshandlung, Vernachlässigung, Verleumdung und Verrat abzulösen, muss die Behandlung folgendes anbieten:

  • Fürsorge, Interesse und Empathie anstatt zwischenmenschlicher Ignoranz
  • Anerkennung der Verletzbarkeit des Patienten und die Betonung der persönlichen Stärken anstatt eines (Aus)nutzens der Verletzlichkeit des Patienten
  • Wohlwollende therapeutische Führung innerhalb klarer Grenzen anstatt bösartiger Kontrolle.

Der Workshop wird sich aus Vorlesungen, Diskussionen, Video-Demonstrationen und Rollenspielen zusammensetzen.

Diese Veranstaltung ist mit 8 Fortbildungspunkten durch die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer (OPK) akkredidiert.

Literatur: Nijenhuis, E. (2006): Somatoforme Dissoziation. Paderborn: Junfermann
Van der Hart, O.; Nijenhuis, E.; Steele, K. (2008): Das verfolgte Selbst. Paderborn: Junfermann

 

Kulturelles Leipzig - individuelle Entdeckungstour
Wir empfehlen einen Besuch im Gewandhaus, Schauspielhaus, Oper, Musikalische Komödie, Ballett, Varieté Krystallpalast oder in einem der fünf Leipziger Kabaretts u. v. a.