Startseite
Programm
Referenten

   Gesponserter Link:
AVRecord

pdf Download Flyer

Veranstalter:

Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie (gemeinnützige Organisation)
Fortbildung in trauma- und körperorientierter schulenübergreifender Psychotherapie

Trauma-Institut-Leipzig
Trauma-Institut-Leipzig an der Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Fortbildungszyklen für Traumafachberater und Psychotraumatherapeuten

Psychotraumazentrum Leipzig, e. V
Psychotraumazentrum Leipzig e. V.
SAFE®-Kurse - Sichere Ausbildung für Eltern zur Förderung einer sicheren Eltern - Kind - Bindung

Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007

2.5 Michaela Huber
Auch der Körper dissoziiert. Psychotherapeutische Arbeit mit der Affekt-Kette

Seite 198

Denn eine Psychotherapie ist ja eine Arbeit an der eigenen Veränderung der KlientInnen; TherapeutInnen sind nur dazu da, ein sicheres Bindungsangebot zu machen und mit ihren therapeutischen Vorschlägen – den »Werkzeugen in ihrem Werkzeugkasten« – Angebote zu machen; die Veränderungsarbeit selbst muss jedoch von den Betroffenen selbst geleistet werden. Die durch diese Dynamik entstehenden Übertragungs- und Gegenübertragungsprobleme kann ich hier nur andeuten: Häufig reagieren TherapeutInnen auf diese Situation entweder damit, dass sie zu viele Angebote machen oder gar »overprotective« und »overinvolved« quasi »die Arbeit für die KlientIn leisten wollen, was die Gefahr stellvertretender bzw. sekundärer Traumatisierung ebenso wie die Burnout-Gefahr erhöht; und/oder sie entwickeln vielleicht selbst eine Erlernte Hilflosigkeit (»alles nützt nichts, die (Kl.) will ja nichts tun, die nutzt mich nur aus« etc.) die in Zynismus und »Blame the victim« münden kann. (S. auch Huber, 2003b).
In diesem Beitrag möchte ich stattdessen vorschlagen, mit der körperlich-gefühlshaften Komponente, also dem Affekt (oder dem jeweiligen EP, wie ich weiter unten ausführen werde), des gegenwärtigen Hauptsymptoms der KlientIn so schnell wie in der Therapie möglich konkret zu arbeiten, mit dem Ziel, das Leid um eine »Portion« zu lindern, die traumabedingte Dissoziation und den Kontrollverlust zu vermindern, und einen Fokus auf positive Veränderungsziele zu ermöglichen.
Ein Affekt ist ja mehr als ein »Gefühl«, auch wenn Emotion und Affekt im Deutschen oft unter »Gefühl« zusammengefasst werden. Ein Affekt ist ein psychophysiologisches Geschehen, enthält also eine erhebliche körperliche Komponente. Beispiel: Rotwerden ist die körperliche Seite des Affekts, als Begleitemotion dazu könnte gefühlt werden: Verliebtsein, Scham, wütende oder sexuelle Erregung zum Beispiel. Hier soll unter Affekt verstanden werden: eine Kombination aus einem abgrenzbaren Körper(miss-)empfinden und dem, was der Mensch als Gefühl diesem Körperempfinden zuordnet. Beispiel: Der »Klumpen im Bauch« verbunden mit dem Gefühl von Beklommenheit und Angst.

Seite 199

(Das entsprechende diagnostische Mittel, das IK-PTBS, also das Interview zur komplexen PTBS, findet sich in Huber, 2003a im Anhang)

Das gegenwärtige Hauptsymptom (GHS) spiegelt bzw. bündelt bei Komplextrauma diese Probleme. Es besteht meist aus einem Affekt, enthält einen oder ist mit einem bestimmten Affekt verbunden – und Erlernter Hilflosigkeit. Beispiele für häufige GHS bei komplextraumatisierten KlientInnen: Flashbacks, Depressive Störungen, Angstzustände, sozialer Rückzug und Isolation, Selbstverletzung, Suizidalität, Bindungsstörung, existenzielle Not (z.B. Geldsorgen). Es lässt sich unschwer vorstellen, dass – wenn es in der oder durch die Therapie gelingt, das GHS zu lindern, die KlientIn Selbstwirksamkeit entwickelt, das eigene Leid verändern zu können. Außerdem kann durch eine Veränderung des GHS zusätzliche Motivation für die Weiterarbeit gefunden und positive Ziele angestrebt werden.
Um so bald wie möglich am gegenwärtigen Hauptsymptom arbeiten zu können, ist es zunächst unerlässlich, in der traumazentrierten Psychotherapie die strukturelle Dissoziation in der Persönlichkeit zu verstehen und sowohl mit der ANP wie mit den EPs eine möglichst vertrauensvolle Beziehung einzugehen. Doch komplex Traumatisierte haben ein eingeschränktes Bewusstsein (ANP) sowie eine Phobie vor dem »Innenleben, das so viel Stress macht« (oder hat) – und sie haben eine Phobie vor Beziehung (v.d.Hart et al., 2006). Das »Unbewusste« der KlientIn ist dann meist ein oder mehrere EPs, ist also »das manchmal Bewusste, aber Abgespaltene«, das sich in unkon-trollierbaren Zuständen oder Anteilen äußert, je nach Dissoziations-Niveau von einfacher bzw. komplexer PTBS mit oder ohne dissoziativer Identitätsstörung. Häufig bei Erwachsenen mit Komplextrauma sind EPs, also trauma-nahe Zustände, die entwicklungsmäßig »kleiner« sind als die erwachsene ANP, etwa aus traumatisierten Kind-Anteilen bzw. den Abspaltungen während kindlicher Traumatisierung entstanden sind; sie wiederum haben auch eine Phobie vor der ANP und möchten gern von der TherapeutIn verstanden und »gerettet« werden.
Um die therapeutische Beziehung so gestalten zu können, dass die KlientIn in beiden Bereichen ihrer Persönlichkeit – ANP und EPs – Fortschritte machen kann, ist ein sicheres Bindungsangebot wichtig; gleichzeitig macht die TherapeutIn durch ihre Beziehungsarbeit deutlich, dass sie »mehr Coach als (bessere) Mutter« ist. Häufig werden die Stadien der Traumaarbeit, was die therapeutische Beziehungsgestaltung angeht, etwa wie folgt formulierbar sein, wenn die KlientIn ihre entsprechenden Kognitionen äußern kann/könnte:

  1. Mach das (Hauptsymptome) weg! (Verzweiflung und EH)
  2. Wie, das kannst Du nicht. Du taugst nichts, bist auch so vernachlässigend, gleichgültig bis traumatisierend wie die Täter…; (Wut und Entwertung; negative Übertragung)
  3. Wenn ich mit Dir verhandle, Dich zu überzeugen versuche, Dir kleine Geschenke mache, mich Dir unterwerfe – erfüllst Du mir dann meine Bedürfnisse? (Verhandlung; Versuch, die TherapeutIn unter Kontrolle zu bekommen)
  4. Aber Du bist richtig für mich, wieso soll ich trotzdem selbst arbeiten? (erste Bindung und Befragung der eigenen chronifizierten Opferidentität)
  5. Dann lerne ich es eben selbst, ich brauche dich nicht! (Pseudo-Autonomie, Therapieabbruch oder –pause wird erwogen; falls KlientIn viel Krankheitsgewinn hat, wird auch eine andere TherapeutIn aufgesucht, die weniger »anstrengend und fordernd« ist und mehr »versorgt«
  6. Du bist manchmal »blöd«, aber oft ganz gut für mich; also lerne ich weiter, mit Deiner Hilfe (zunehmende Objektkonstanz; Differenzierung, erhöhte Frustrationstoleranz und Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit und Konflikthaftem wird aufgebaut).

Wenn die TherapeutIn warten würde, bis Stadium 6 eingetreten ist, könnte sie viele Jahre nur »reden«; wichtig ist aber, bereits in Stadium 1 deutlich zu machen, dass die TherapeutIn das Anliegen ernst nimmt und ihren Teil dazu beitragen wird, konkrete Veränderungsschritte zu ermöglichen. Gleichzeitig wird psychoedukativ vermittelt werden müssen, dass Psychotherapie bedeutet, die KlientIn muss zunehmend lernen, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen und nur das von der TherapeutIn zu nehmen, was sie brauchen kann. Psychoedukation in der therapeutischen Beziehung beinhaltet auch eine Information durch die TherapeutIn, dass die KlientIn vermutlich häufig experimentieren muss und wahrscheinlich auch gelegentlich wütend sein wird, weil etwas misslingt; dass das Wichtigste ist, dass sie nicht aufgibt, wieder kommt und weiter arbeitet. Vor allem wird die TherapeutIn direkt oder indirekt vermitteln, dass es sich um eine zwar asymmetrische Beziehung handelt – die KlientIn ist diejenige, um deren Gesundung es geht, die TherapeutIn ist diejenige, die Geld dafür erhält, sich ohne anderen Eigennutz ganz dem Wohl der KlientIn zu verpflichten. Dass es aber dennoch ein gemeinsamer Lernprozess sein wird, in dem sich beide adaptieren an die jeweiligen Möglichkeiten der KlientIn, dass beide lernen und beide hart arbeiten müssen, um das gemeinsam definierte Ziel – z.B. die gegenwärtigen Hauptsymptome verändern – erreichen zu können.

 

Liste | vorheriger Link | nächster Link