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Veranstalter:

Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie (gemeinnützige Organisation)
Fortbildung in trauma- und körperorientierter schulenübergreifender Psychotherapie

Trauma-Institut-Leipzig
Trauma-Institut-Leipzig an der Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Fortbildungszyklen für Traumafachberater und Psychotraumatherapeuten

Psychotraumazentrum Leipzig, e. V
Psychotraumazentrum Leipzig e. V.
SAFE®-Kurse - Sichere Ausbildung für Eltern zur Förderung einer sicheren Eltern - Kind - Bindung

Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007

2.7 Hans-Joachim Maaz
Zur Integration des Körpers in tiefenpsychologisch fundierte analytische Psychotherapie

Seite 228

Die Diskussion, inwieweit die körperliche Zuwendung des Therapeuten zu einer heilsamen »korrigierenden emotionalen Erfahrung« werden kann oder ob abgespaltene traumatische Erfahrungen und verdrängte frühe Zuwendungsdefizite schmerzvoll erinnert werden sollen, kann nur mit Berücksichtigung des Ausmaßes der Strukturschwäche und der Analyse der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik beantwortet werden. Wie schon erwähnt, kann körperliche Zuwendung als Bedrohung erlebt werden und maligne Regression auslösen, oder sie kann Halt vermitteln, um bedrohliche Erfahrungen zu reaktivieren und befreienden Gefühlsausdruck zu ermöglichen. Entscheidend dafür ist die Body-Empathie des Therapeuten.
Es bleibt die Frage, inwieweit frühe lebensbedrohende Erfahrungen überhaupt gefühlt werden können. Menschen mit dieser existenziellen Verunsicherung bleiben in der Regel objektabhängig, so dass es häufig »nur« um die Einsicht in dieses Schicksal und um einen bewussteren Umgang mit dieser Not gehen kann, z.B. auch mit traumatherapeutischen Techniken. Eine empathische und hilfreiche Beziehung, mit der Funktion der Realitätsprüfung und Differenzierung zwischen Selbst und Objekt kann lebenslang notwendig bleiben. Therapie ist dann als »circulärer Prozess« zu konzipieren, d. h. nicht mehr als langjähriger Nachreifungsprozess mit der Erwartung, ein höheres Strukturniveau erreichen zu können, sondern als eine wiederkehrende Möglichkeit, bei akuter Symptomatik und aktuellem Konflikt immer wieder einige wenige Therapiestunden zu nehmen und dabei möglichst bis auf der Ebene der Strukturstörung in »fokussierter Regression« die Problematik durchzuarbeiten. Dazu sind körpertherapeutische Interventionen unerlässlich.
Die Patienten mit mittlerem Strukturniveau (narzisstische Persönlichkeitsstörung) streben danach, den anderen – also auch den Therapeuten – als Selbstobjekt benutzen zu können. Dafür soll der Beziehungspartner spiegelnd bestätigen und zustimmen, sich idealisieren lassen und Gleichheit und Zugehörigkeit vermitteln helfen. Patienten mit dieser Störung sind sehr erfahren – das war und ist ihre Überlebensstrategie – schnell herauszufinden, was sie tun sollen, um den Beziehungspartner zum Selbstobjekt zu manipulieren bzw. sich auch als Selbstobjekt verwenden zu lassen. Für die körperbezogene Arbeit bekommt diese Abwehrfähigkeit deshalb Bedeutung, weil der Patient auch schnell die Gefühle imitierend produziert, mit denen er glaubt, das gewünschte Ziel zu erreichen. Diese Nachahmungsgefahr ist bei der Arbeit in einer Gruppe besonders groß. Mit dieser angepassten Gefühlsimitation oder mit pseudounabhängigen Gefühlsproduktionen soll die gefürchtete Objekt-Verlustangst abgewehrt werden. In diesen Fällen kann es sehr hilfreich sein, dass der Therapeut lange abwartet, passiv bleibt, keine Hinweise auf den denkbaren therapeutischen Weg gibt und dadurch Labilisierung provoziert, die eine echte schmerzliche Betroffenheit über die Abhängigkeit von Selbstobjektverwendungen ermöglicht. Die frühe Objekt-Verlustangst bei Autonomieentwicklung kann durch die heutige Erfahrung verarbeitet werden, dass der Therapeut Eigenständigkeit und Andersartigkeit aushält und bestätigt. Für die körperbezogene Arbeit wird also Wahrnehmung, Aktivierung und Gefühlsausdruck weniger vom Therapeuten vorgeschlagen und angeboten, sondern als spontane Prozesse, als Zeichen von individueller Entäußerung, als Abgrenzung gewürdigt und der Patient wird ermutigt, seinen Impulsen zu vertrauen und nachzugehen, ohne vermeintliche Erwartungen erfüllen zu wollen.
Und wenn narzisstisch gestörte Patienten die auf den Therapeuten übertragene Objekt-Verlustangst so weit zurücknehmen können, dass sie ihre Selbstwertstabilität durch Grandiosität aufzugeben wagen und sich auf den schmerzvollen Ausdruck ihrer tiefen unerfüllten Abhängigkeit und Bedürftigkeit einlassen können, unterstützt durch die körpertherapeutischen Interventionen für Aktivierung und Gefühlsausdruck, dann erleben sie in aller Regel eine sehr entlastende Entspannung und Befriedigung. Der akzeptierte Gefühlsausdruck lässt dann die narzisstische Abwehr (Grandiosität, Abwertung und Verachtung, Pseudounabhängigkeit) – wenigstens vorübergehend – in sich zusammenbrechen. Auch diese befreiende Erfahrung kann in einem circulären Therapieprozess immer wieder erlebt werden und dadurch den pathologischen Narzissmus abschmelzen.
Bei Patienten mit höherem Strukturniveau (neurotische Strukturstörung) geht es im wesentlichen um ungelöste und verdrängte intrapsychische Konfliktdynamiken zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen. Selbst und Objekte sind relativ stabil und getrennt voneinander, liegen aber im Kampf um Anpassung und Emanzipation. Dabei überdecken vielfältige Schuld- und Schamgefühle sowie unendliche Ambivalenz- und Beziehungskonflikte den tieferen Schrei nach Liebe. Die gelernte Anpassung an die elterlichen Erwartungen hat einen »Gefühlsstau« (Maaz, H.-J. 1991) hinterlassen, dessen verdrängte Affekte vor allem im Körper ihren Niederschlag finden. Die neurotische Strukturstörung gestaltet sich in der Körperform, in Körperhaltungen und im Körperausdruck aus. Andrängende, aber unerlaubte Gefühle werden funktionell in Körperbewegungen und muskulären Verspannungen wie Erschlaffungen abgewehrt.
Gemäß unseres Vierer-Schrittes körperbezogener Interventionen kommen Unterstützungen für die Aktivierung von Gefühlsenergien und die Beförderung ihres Ausdruckes (Schritt 2 und 3) sehr hilfreich zur Geltung. Über den Gefühlsausdruck kann die Quelle der neurotischen Strukturstörung hinter allen so leidvollen Symptomen und Konflikten endlich erfahren (häufig auch szenisch erinnert) werden und durch die Akzeptanz der Gefühle in der therapeutischen Beziehung kann die Macht der Objekte allmählich zugunsten des Selbst vermindert werden.
Das Restrisiko, dass durch Körperkontakt und aktive Zuwendung des Therapeuten der Patient auf infantile Befriedigungserwartungen regrediert, wird vermindert oder aufgelöst, wenn ein voller Gefühlsausdruck als autonomer Prozess in Gang kommt und gelingt. Die Authentizität der Gefühle garantiert die Zurücknahme von Übertragungen und die Annahme der eigenen erlebten und erlittenen Wahrheit.

 

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