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Veranstalter:

Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie (gemeinnützige Organisation)
Fortbildung in trauma- und körperorientierter schulenübergreifender Psychotherapie

Trauma-Institut-Leipzig
Trauma-Institut-Leipzig an der Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie
Fortbildungszyklen für Traumafachberater und Psychotraumatherapeuten

Psychotraumazentrum Leipzig, e. V
Psychotraumazentrum Leipzig e. V.
SAFE®-Kurse - Sichere Ausbildung für Eltern zur Förderung einer sicheren Eltern - Kind - Bindung

Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007

2.3 Onno van der Hart, Helga Mattheß, Marko van Gerven
Die Theorie der Strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit als Grundlage für die Behandlung von Patienten nach sexuellen Übergriffen in der Kindheit

Seite 166

Wenn die Folgen sexuellen Missbrauchs und anderer Traumata auf die primäre strukturelle Dissoziation beschränkt geblieben sind (zum Beispiel in Form einer einfachen PTBS), haben sich alle diese Phobien noch nicht so sehr verselbständigt oder überhaupt nicht entwickelt. Die Behandlung kann dann in der Regel aus einem Überwinden der Phobien vor den traumatischen Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch und aus der Integration des ANP und des EPs bestehen. So hat sich eine kurzzeitige kognitive Verhaltenstherapie für Opfer von Vergewaltigung als effektive Vorgehensweise erwiesen (Foa & Rothbaum 1998). Hierbei muss aber angemerkt werden, dass die Anzahl der Patienten, die die Behandlung abbricht, groß ist, was möglicherweise dem direkten Herangehen an die Phobie vor der traumatischen Erinnerung zuzuschreiben sein könnte. In der Ausdrucksweise von Myers (1940) geht es bei der Behandlung traumabezogener Beschwerden auf dem Niveau von primärer struktureller Dissoziation um:

»… [to] deprive the ›emotional‹ personality of its pathological, distracted, uncontrolled character, and … [to] effect its union with the ›apparently normal‹ personality …
When this re-integration has taken place, it becomes immediately obvious that the ›apparently normal‹ personality differed widely in physical appearance and behaviour, as well as mentally, from the completely normal personality thus at last obtained.« (p. 69)
»… [um] der ›emotionalen Persönlichkeit‹ seinen pathologischen, zerteilten und unkontrollierbaren Charakter zu entziehen und [um] seine Vereinigung mit der ›anscheinend normalen‹ Persönlichkeit zu bewirken…
Wenn diese Re-Integration erfolgt, wird sofort deutlich, dass die ›anscheinend normale‹ Persönlichkeit sich sehr in der physischen Erscheinung und im Verhalten wie auch psychisch von der vollständig normalen Persönlichkeit unterscheidet, die schließlich wiedererlangt wurde.«

Wie erwähnt geht der Behandlung der traumatischen Erinnerungen bei sekundärer und tertiärer struktureller Dissoziation eine umfassende auf Stabilisierung und Symptomreduzierung gerichtete Phase voran. Unserer Ansicht nach ist eine solche Phase bei primärer struktureller Dissoziation auch oft notwendig, und die kognitive Verhaltenstherapie scheint hier manchmal zu schnell darüber hinweg zu gehen. Dies wird problematisch, wenn sich herausstellt, dass hinter der aktuellen Traumatisierung, wie z.B. einer Vergewaltigung, deretwegen ein PatientIn in Therapie gekommen ist, sich frühere Traumatisierungen, zum Beispiel sexuelle Übergriffe in der Kindheit, verbergen. So schildert Moene (2003) das Beispiel einer 21-jährigen Patientin, einer lebenslustigen jungen Frau, deren Beschwerden, das waren anfallsweise auftretende Bewusstseinsstörungen, mit einer Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber im Alter von 18 Jahren verbunden waren. Während der Behandlung stellte sich heraus, dass sich dahinter Erinnerungen an sexuelle Übergriffe im Alter von 5 Jahren (Betasten) durch einen Nachbarn verbargen. Die Tatsache, dass sie darüber damals ihren Eltern nichts erzählt hat, hing damit zusammen, dass sie nicht gelernt hatte, sich bei Schwierigkeiten Hilfe zu suchen, sondern diese alleine lösen musste.

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Systematische Untersuchungen dieser prognostischen Variablen stecken noch in den Kinderschuhen. Ford und Kidd stellten 1998 fest, dass eine Vorgeschichte von Kindheitstraumatisierung an sich nicht ausschlaggebend für das Behandlungsresultat ist, wichtiger ist, inwieweit die diagnostischen Kriterien für komplexe PTBS erfüllt werden. Je deutlicher dies der Fall ist, umso mehr muss der Schwerpunkt der Behandlung auf Phase 1 liegen. Eigene Untersuchungen weisen darauf hin, dass Patientinnen und Patienten, die über vier oder mehr Formen von Traumatisierungen wie emotionaler Vernachlässigung und Misshandlung in der Herkunftsfamilie berichten, durch ein hohes Maß an posttraumatischen Stresssymptomen und Dissoziation gekennzeichnet werden (Nijenhuis, Van der Hart & Kruger 2002). Wir vermuten, dass sie auch höher Werte in anderen Dimensionen der komplexen PTBS haben. Umgekehrt zeigten Patientinnen und Patienten, die über einmalige oder einzelne Traumata berichteten, die genannten Symptome in viel geringerem Grad. In der Praxis läuft es darauf hinaus, dass solche Patienten wahrscheinlich einfacher zu behandeln sind, in deren Familie keine Misshandlung und Verwahrlosung vorkamen, und die über sexuelle Traumata durch Täter außerhalb der Familie berichten.

 

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