Internationales Traumasymposium am 11. - 12. Juni 2021 in Leipzig zum Thema:

Die Dissoziative Identitätsstörung und Probleme der interdisziplinären Behandlung

Scham und Schuld - Kongress 2019

Freitag, 14.06.2019, 1. Vortragstag

Zeit Sprecher Programm
12:00
Öffnung des Kongressbüros
13:00 DP Irina Vogt Eröffnungsworte
13:05 Prof. Martin Dorahy

Einführungsvortrag: Scham, Dissoziation und Wiederholung bei komplextraumatisierten Störungen – im Überblick.

Dieser Vortrag gewährt Einblicke in die zentrale Bedeutung, die Scham bei komplextraumatisierten Störungen einnimmt und wie sie in Zusammenhang mit dem Wiederholungszwang und der Dissoziation steht. Dieser Überblick wird am nächsten Tag im Hauptvortrag erweitert. Frühkindliche Beziehungstraumata wirken sich auf das Selbstverständnis, das Selbstbild und die Selbstwirksamkeit aus und prägen so das autobiografische Gedächtnis. Die Entwicklung eines Ichs, das durch Scham und beschämende Erinnerungen bestimmt wird, macht einen Menschen immer wieder anfällig für weitere Täterübergriffe. Traumaklienten können daher nicht lernen sich als ein Individuum wahrzunehmen, das Schutz und Zuwendung verdient. Infolgedessen höhlt das Schamgefühl die Fähigkeit des Ichs aus, selbstbewusst aufzutreten und selbstschützend zu agieren. Der Vortrag konzentriert sich auf die Psychologie der Scham bei Komplextraumatisierten und ihre Relevanz für die von Vogts SPIM-Modell beschriebenen Schweregrade der dissoziativen Pathologie.

13:30
Kurze Pause
13:35 Dr.rer.nat., Dipl.-Psychologe Ralf Vogt

Einführungsvortrag: Scham und Schuld und der therapeutische Zugang mithilfe des SPIM 30-Behandlungsprogramms

Im Einführungsvortrag wird die klinische Bedeutung von Scham und Schuld bei Traumapatienten in der ambulanten Behandlung kurz skizziert. Hier zeigt sich immer wieder die grundlegende Verwurzelung dieser Thematiken mit frühkindlichen Traumathemen, wenn es sich, wie die Mehrzahl unserer Fallbeispiele, um von nahestehenden Menschen gemachte kumulative Gewalt in der in der näheren Lebensumwelt handelt.
Methodisch berücksichtigen eine Reihe von Settings des SPIM 30-Behandlungsmodells für dissoziative/komplextraumatisierte Menschen diese mentalen und seelischen Zugangsprobleme in der Spezifik therapeutischer Interventionen. Hierzu werden per Fotodokumentation Fallbeispiele gegeben.

14:00
Kurze Pause
14:05 Dr. Joanne Twombly

Wenn Sie mich kennenlernen, werden Sie mich hassen

Im Rahmen einer Fallanalyse einer Klientin werden die vielen Facetten einer erlebten Schande beschrieben, die durch einen sadistischen sexuellen Missbrauch entstanden sind und in der psychotherapeutischen Behandlung eine gewichtige Rolle spielten. Anhand der Theorie von Nathansons Kompass werden die Teilnehmer die vier proklamierten Richtungen der Sturmwellen einer Scham nachvollziehen können, wie sie die Patient-Therapeut-Beziehung ergreifen und letztlich mit diesem theoretischen Kompass durchgearbeitet werden können.

14.30
Kurze Pause
14:35 Robert Richter

Schuld und Scham im Kontext von traumarelevanten Hochstresserfahrungen bei schwerem Stottern

Eigene Beobachtungen in der Stottertherapie zeigen, dass Patienten mit einer schweren Stottersymptomatik Hochstress-Symptome zeigen. Obwohl die Entstehung des Stotterns momentan kaum als Folge einer Traumatisierung angesehen wird, ist zu beobachten, dass der schwerwiegende und wiederholt eintretende stotterbedingte Kontrollverlust zu einer kumulativen traumarelevanten Hochstresserfahrung führen kann. Die daraus folgende Entwicklung negativer Emotionen, wie Schuld und Scham, aber auch Sozialphobien, Vermeidungsverhalten und Depressionen schränken die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil erheblich ein. Im Vortrag soll der aktuelle Stand zur Theorie des Stotterns mit Erkenntnissen aus der Psychotraumatologie verknüpft werden. Therapeutische Interventionen werden skizziert und Bezüge zu Aspekten des SPIM30 Behandlungsmodells hergestellt.

15:00
Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände
15:30 Prof. George Rhoades

Scham, Schuld und Trauma: Interkulturelle Implikationen
Im Einführungsvortrag werden historische Definitionen zu den unterschiedlichen Blickwinkeln von verschiedenen Kulturen zu den Begriffen von Scham und Schuld schlaglichtartig beleuchtet und in diversen Akzentuierungen gegenübergestellt.
Es ist zum Teil verblüffend und auch wieder nachvollziehbar, wie die alltägliche Lebensweise und die Besonderheit des Lebensraumes Denken und Fühlen von Menschen in ihren sozialen Strukturen prägt und so verschiedenen Wertesysteme geschaffen werden, die man in der Therapie berücksichtigen muss.

16:00
Kurze Pause
16:05 Monika Trutt

Die eigene Stimme erklingen lassen – sich wahrnehmen und hörbar machen

Stimme entfalten und sich selbst zeigen. Das ist für Traumapatienten oft verboten, gefährlich und schambesetzt. Wir alle drücken uns über unsere Stimme aus. Über das was wir sagen, aber auch wie wir es sagen. Tonfall, Lautstärke, Stimmfarbe. In der Singstimme ist die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten noch viel größer und intensiver als in der Sprechstimme. So zeigen sich Kraft, Selbstbewusstsein und die verschiedensten Emotionen beim Singen. Das nutzt der Profisänger auf der Bühne.
Aber auch Blockaden durch verschiedenste Traumatisierungen drücken sich über die Stimme aus.
Heiserkeit, zurückgenommene leise Stimme, gepresste Stimme, Angst vor dem Singen, Angst zu laut zu sein und ganz oft Scham sich so offen zu zeigen.
Dieser Vortrag zeigt die Chancen und Möglichkeiten der Arbeit mit der Stimme für Traumapatienten im Aufdecken/Entdecken eigener Themen und traumatischer Erlebnisse, aber auch zur Stabilisierung und Stärkung des Selbstwertgefühls.
So können beispielsweise anhand von SPIM 30-Anteilsarbeit in ihrem ganzen Spektrum, welche die Stimme mit einbezieht, aber auch das erkennen von Täterintrojekten im speziellen, Ursachen von stimmlichen Blockaden erkannt werden.

16:35
Kurze Pause
16:40 Marco Günther

Opfer sein für Anfänger

Äquivalent zu den seit Jahrzehnten bestehenden Frauenhäusern fördert der Freistaat Sachsen seit 2016 Männerschutzwohnungen, in denen Männer und ihre Kinder die Opfer von Gewalt im sozialen Nahraum geworden sind. Der Koordinator der Leipziger Einrichtung, berichtet über die Arbeit mit Menschen, die wenn sie eine solche Einrichtung aufsuchen, nur Schutz und Geborgenheit suchen, da sie diese in ihrem sozialen Gefüge nicht finden. Die Arbeit in einer Männerschutzwohnung gleicht ein wenig der in Auffanglagern, in denen das erste Mal ein "sicherer Ort" erreicht wird. Die Distanzierung zur Traumastruktur, ist oft der einzige gemeinsam vereinbarte Nenner in der Zusammenarbeit und wird durch die Täterbindung und die Wertesysteme der Täter die über Täterintrojekte ausagiert werden, durchgängig boykottiert. Der Umgang mit den Widersprüchlichkeit in der "eigenen" Idendität, Opfer geworden sein/Täterverhalten, Schwäche/Männlichkeit, hilflos sein/nicht ausgeliefert sein, abhängig sein/selbstständig sein äußert sich am deutlichsten in den Schwankungen der Wahrnehmung der eigenen Schuld und der Unterdrückung von Scham. Scham spielt dabei eine besondere Rolle, da es in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer keine anerkannte kognitive Repräsentanz gibt, in der Männer eine besondere Schutzbedürftigkeit zugestanden wird.
Die Arbeit mit Menschen in einer solchen Situation erfordert viel Fingerspitzengefühl im sozialarbeiterischen Umgang, Kenntnis über die täter-opfer-dialektischen Dynamiken und einem gut plazierten Minimaleinsatz von Methoden und Techniken, die den Betroffenen zur Orientierung dienen können.

17:10
Diskussion, Abschlussstatements




Samstag, 15.06.2019, 2. Vortragstag

Zeit Sprecher Programm
8:00
Öffnung des Kongressbüros
9:00 Prof. Martin Dorahy

Teil 2: Scham, Dissoziierung und Wiederholungsverhalten bei komplextraumatisierten Störungen: Wechselwirkungen, Fallbeispiele und Therapiebetrachtungen.
Im Hauptvortrag wird die Scham als besonders innerpsychologisches Thema vertieft und belegt, wie gerade durch Scham menschliche Kontaktrückzüge eingeleitet, Selbstisolationen forciert und Angriffe auf das eigene Selbst ausgelöst werden. Scham kann auch bewirken, dass andere Menschen angegriffen und somit eigene traumatische Erfahrungen wiederholt und ausgeweitet werden. Der innerpsychische Zweck besteht oft darin, die mit Schamgefühl verbundene Hilflosigkeit, Depressivität und Ohnmacht abzuwenden. Die Dissoziation hat dabei wahrscheinlich den Sinn Schamgefühle im Bewusstsein zu vermeiden. Dennoch kann die Dissoziationserfahrung selbst auch neue Schamgefühle auslösen, da das Individuum sich nicht in der Lage fühlt, seine Handlungen, Erinnerungen und Gefühle zu kontrollieren. Das kommt besonders in der therapeutischen Beziehung hervor. Dieser Vortrag beleuchtet die Dynamik bei Patienten, die komplexe, frühkindliche Beziehungstraumata erlebt haben. Es werden Fallbeispiele gezeigt, wo die dissoziative Scham das zwischenmenschliche Feld dermaßen stark beeinflusst, dass Patienten nur auf die eigene Handlungsschuld schauen und die Handlungsschuld eines anderen absolut nicht sehen können. Besondere Bedeutung hat hier auch die therapeutische Interaktion, in der diese Thematiken aufgedeckt, erinnert und durchgearbeitet werden müssen.

10:00
Kurze Pause
10:05 Dr.rer.nat., Dipl.-Psychologe Ralf Vogt

Teil 2: Die Selbstattribuierung von Scham und Schuld und Bewältigungschancen in der Traumatherapie
Aufbauend auf den Einführungsvortrag vom Freitag sollen hier Bedeutung und Behandlung von Scham und Schuld mithilfe von SPIM 30-Settings bei Psychotraumapatienten umrissen werden. Kern des Hauptvortrags ist darüber hinaus die eigene Erforschung von Scham und Schuld durch eine Befragungsstudie an Therapieanfängern und –fortgeschrittenen Klienten verschiedener Diagnosegruppen. Dabei zeigen sich Gemeinsamkeiten der subjektiven Beurteilung traumatischer Ereignisse bei von nahestehenden Menschen gemachter Gewalt bei allen Diagnosegruppen. In Abhängigkeit von verschiedenen Diagnosegruppen zeigen sich aber auch in den Therapiestadien interessante Unterschiede in Bezug vertiefter Therapieeinsicht zu Scham und Schuld. Außerdem führen offenbar unterschiedliche Schwere und der Spezifik von psychotraumatischen Früherfahrungen sowohl zu depressiv-selbstzerstörerischen Rückzügen als auch zu paranoiden Vermeiden sozialer Beziehungen oder zu aggressiven Abwehrattacken. Hierzu sollen die ersten Forschungsergebnisse der Pilotstudie mit Interventionsmöglichkeiten in Verbindung gebracht werden.

11:05
Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände
11:30 Dr. Joanne Twombly

Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Scham und dessen Behandlung von Sexualmissbrauch überlebenden Erwachsenen

Kinderschänder tun alles, um sicherzugehen, dass sie nicht erwischt werden, damit sie weiterhin ein Kind oder mehrere Kinder missbrauchen können und so ein langfristiges Leiden der Opfer erzeugen. Die Schaffung und Aufrechterhaltung von Schande ist ein Schlüsselelement in diesem Prozess. Für den Heilungsprozess des Opfers ist es wichtig, dass Psychotherapeuten genau verstehen, wie Täter die normalen Schamreaktionen eines Kindes verwenden und wie Täter versuchen, zusätzliche Schamgefühle hinzuzufügen, um so das Fortsetzen des sexuellen Missbrauchverhaltens für sich selbst garantieren und vertuschen zu können. Diese Präsentation erläutert die Glaubenssysteme der Täter und die Auswirkungen ihrer Manipulationen. Außerdem werden die interaktiven Wechselwirkungen auf die Opfer und deren Selbstwert-, Glaubens- und Wertehierarchien diksutiert und Implikationen für die erfolgreiche Erwachsenenpsychotherapie abgeleitet.

12:30
Mittagsimbiß vor Ort sowie Buch-, CD-, Infostände
13:30 Dr. med. Franziska Schlensog-Schuster

Schuld oder Unschuld in der Arbeit mit misshandelten Kindern und deren Eltern

In Forschungsprojekten der Universitätskinderpsychiatrie Leipzig zeigen 36% der untersuchten Kinder verschiedener Formen von Misshandlungserfahrungen. Die Auswirkungen dieser Misshandlungen auf das emotionale, psychische und psychiatrische Outcome sind gravierend. Mehr als die Hälfte dieser Kinder zeigen externalisierend und internalisierende Störungsbilder. Besonders Jungen mit schweren, chronischen und sehr früh begonnenen Misshandlungstypen entwickeln häufiger externalisierende Diagnosen. In psychotherapeutischen Prozess muss initial ein realer sicherer Ort gefunden werden, der diese schwerwiegenden Traumatisierungen hält, erträgt und containen kann, um therapeutisch wirksam zu arbeiten. In dem erschöpften System der stationären Maßnahmen der Jugendhilfe der Stadt Leipzig kann kaum noch ein Ort wie dieser gefunden werden. Der Vortrag soll eingebettet in aktuelle Forschung einen Einblick in dieses Dilemma geben und Lösungsansätze skizzieren und auch deren Limitationen.

14:30
Kaffeepause sowie Buch-, CD-, Infostände
14:50 Prof. George Rhoades

Teil 2: Scham, Schuld und Trauma: Interkulturelle Implikationen
Aufbauend auf den Einführungsvortrag sollen wichtige Unterschiede der interkulturellen Sichtweisen von Scham und Schuld dem Auditorium erläutert werden. Berichtet wird auf der Grundlage von 30-jährigen Erfahrungen auf dem Gebiet der Betreuung von Traumapatienten in Krisenherden dieser Welt. Dadurch kann von kulturellen Unterschieden in den Begrifflichkeiten, Zusammenhängen sowie Metaphern von Scham und Schuld referiert werden, wodurch unser westlich geprägter Horizont erweitert und auch unser Psychotraumaverständnis auf interessante Weise vertieft werden kann.
Fallvignetten aus der Begegnung mit Krisenhelfern als auch zahlreichen Patienten in Afrika und Asien sollen für die Zuhörer – neben einigen Fotos – diese Sachverhalte und psychosozialen Rahmenkontexte illustrieren und zur Diskussion mit dem Auditorium im Nachgang anregen. Therapeutische Implikationen ergeben sich dadurch quasi von selbst, wenn wir andere Werte- und Glaubenssysteme verstehen, wodurch auch Traumakontexte mitgeprägt werden.

15:50
Kurze Pause
15:55 Diplompsychologin Irina Vogt

Existenzielle Scham nach der existenziellen frühen Vernichtung

Zu Beginn des Vortrages sollen theoretische analytische Vorbetrachtungen zur Scham in der Thematik einstimmen helfen. Es zeigt sich, dass alte, zum Teil wenig diskutierte traditionelle Konzepte, eine sehr gute Substanz auch für die heutigen Diskussionen bieten.
Im Mittelpunkt der weiteren Darstellungen soll ein Fallbericht mit Theorie und Praxis zur existenziellen Scham ausführlich erläutert werden. Dabei ist der Traumabericht eines frühkindlich psychisch schwer geschädigten und körperlich und sexuell gewaltsam misshandelten Mannes der rote Faden des Vortrages. Für Zuhörer ist es oft unglaublich und schwer vorstellbar, wie grausame Dinge im engsten Kreis einer geschlossenen Familie geschehen können, die nach außen für Nachbarn sozusagen unauffällig bleiben.
Diese quasi verrückt machende Parallelität von Grausamkeit und Banalität wird als wichtiger Faktor der Chronifizierung der existenziellen Scham mit hoher Selbstentwertung benannt.

16:55
Kurze Pause
17:00
Diskussion, Abschlussstatements
17:30
Veranstaltungsende




Veranstalter

Trauma-Institut-Leipzig an der Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie Fortbildungszyklen für Traumafachberater und Psychotraumatherapeuten

Akademie für Ganzheitliche Psychotherapie (gemeinnützige Organisation) Fortbildung in trauma- und körperorientierter schulenübergreifender Psychotherapie